Vor nicht einmal zwei Wochen fand in Luxemburg die Gay Pride statt. In Esch hat sich die LGBT-Community getroffen, um zu feiern, aber auch um für ihre Rechte zu kämpfen. Kinder und Jugendliche sollen in der Schule allerdings nicht mit solchen Themen konfrontiert werden. Das fordert zumindest eine Petition auf der Internetseite der Abgeordnetenkammer. Binnen nur weniger Tage ist die Petition auf dem besten Weg das Quorum zu erfüllen, um eine Debatte im Parlament zu forcieren.

LGBT-Themen sind aus den Lehrplänen für Minderjährige auszuschließen“, fordert die Petition resolut. Der Initiator, Helder Rui De Almeida Neves, sieht das Kindeswohl in Gefahr. “Hinsichtlich des angemessenen Alters und der psychologischen Entwicklung von Minderjährigen ist es vernünftig anzunehmen, dass die Einführung dieser Themen in einem frühen Alter die psychopädagogische Entwicklung der Kinder stören könnte”, heißt es in der Begründung der Petition. Es sei  von entscheidender Bedeutung, dass die Erziehung zu diesen Themen dem Alter und dem Reifegrad der Schüler entspreche.

„Ich bin mittelmäßig überrascht über den Erfolg dieser Petition“, sagt Didier Schneider, Direktor des LGBTIQ+-Zentrums in Luxemburg, CIGALE. Die Organisation geht auf Einladung der Schulen in die Klassenzimmer, um mit den Schülerinnen und Schülern über das Thema LGBTIQ+ zu sprechen.

„Diese Petition zeugt von einer großen Unkenntnis unserer Arbeit, der Kinderpsychologie und der Funktionsweise von Homophobie, Transphobie und Biphobie“, sagt Schneider. Die Workshops wenden sich vor allem an Jugendliche zwischen 13 und 16 Jahren – also während der Pubertät. „ Unser Ziel ist es nicht, Sexualkundeunterricht zu geben. Wir machen Präventionsarbeit gegen Gewalt und Hass. Wir erklären den Jugendlichen, was Homosexualität ist und was Transidentität bedeutet. Wir vermitteln eine Botschaft der Toleranz, um Gewalt zu bekämpfen“. Studien würden zeigen, dass diese Methode wirksam ist.

Nicht den Familien überlassen

Wenn der Petitionär vom Wohl des Kindes spricht, ist Schneider ganz und gar nicht einverstanden. „In Wirklichkeit sind wir es, die die Kinder schützen“. Seiner Meinung nach lässt sich durch Aufklärungsarbeit die Gewalt von Jugendlichen gegenüber homo-, bi- oder transsexuellen Mitschülern verringern. „Unwissenheit führt zu Intoleranz und Gewalttaten“, sagte Schneider.

Dem Initiator der Petition zufolge sollten Familien selbst entscheiden können, ob sie diese Themen auf der Grundlage ihrer eigenen Überzeugungen und Grundsätze angehen. Deshalb sollte die Regierung LGBT-Themen nicht in die Lehrpläne für Minderjährige aufnehmen oder eine Option schaffen, die es den Familien ermöglicht, selbst zu entscheiden, ob ihre Kinder daran teilnehmen sollen oder nicht. Diese Aufgabe könne nicht komplett den Familien überlassen werden, wenn es reaktionäre und konservative Familien gibt, die Gewalt gegen Kinder ausüben, erklärt Schneider.

Der Widerstand gegen die LGBTIQ+-Gemeinschaft ist überall in der Großregion sichtbar und nicht nur in Luxemburg, dem Direktor des CIGALE. In Frankreich stieg die Zahl der homo- und transphoben Handlungen zwischen 2022 und 2023 um 36%. In Deutschland stiegen sie um 26%.

Didier Schneider spricht von einem Backlash-Effekt. „Jedes Mal, wenn die Rechte einer Minderheit gestärkt werden, ist als Reaktion darauf ein Anstieg des Konservatismus zu beobachten“. Seitdem queere Menschen zunehmend die gleichen Rechte wie nicht-queere Menschen erhalten, fühlten sich konservative Mitglieder der Gesellschaft bedroht, erklärt Schneider. Ein zweites Problem ist das Internet. Im Internet können Menschen homophobe und transphobe Kommentare veröffentlichen, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Und diese Realität des Internets wird dann in der realen Welt reproduziert.

Die Organisation führt Beratungsgespräche mit allen Personen, die von LGBTIQ+ Themen betroffen sind, und insbesondere mit Personen, die von LGBTIQ+Phobien betroffen sind. Die Zahl dieser Gespräche wurde von 165 im Jahr 2022 auf 310 im Jahr 2023 erhöht. Und in diesem Jahr droht erneut ein trauriger Rekord. Ende Juni hatte die Organisation bereits über 200 Gespräche gezählt.

Der Petitionär schreibt übrigens, dass es ihm nicht um Homophobie oder Transphobie geht, sondern lediglich darum, „Respekt und eine angemessene erzieherische Orientierung für alle minderjährigen Kinder zu gewährleisten.“

Die Parlamentarische Petition

In Luxemburg können Bürger über den Weg einer Parlamentarischen Petition Unterschriften für ihre Anliegen sammeln. Eine Kommission prüft, ob die Petition zulässig ist. Danach wird sie online auf der Seite www.petitions.lu veröffentlicht. Wenn die Petition mindestens 4.500 Unterschriften erhält, dann muss das Thema in der Abgeordnetenkammer diskutiert werden. Die Petitionäre dürfen ihren Standpunkt äußern und die Politiker diskutieren mit ihnen darüber. Das bedeutet allerdings nicht, dass das Parlament der Forderung der Petitionäre auch nachgeben muss.

 

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